Germany > Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz

VI. HA, Nl Canitz und Dallwitz, K. E. W. v.

Canitz und Dallwitz, Karl Ernst Wilhelm Freiherr von

(1789 - 1791) 1813 - 1867

Scope and content

Vorwort

Biografisches

Karl Ernst Wilhelm von Canitz und Dallwitz wurde am 17. November 1787 in Kassel geboren. Seine Familie stammte aus dem meißnisch-sächsischen Muldegebiet (heutige Gemeinde Thallwitz).
Auf väterlichen Willen hin studierte er in Marburg und Göttingen Jura und wurde nach seinem Abschluss in kurhessische Staatsdienste übernommen. Nach dem Tod des Vaters 1805 trat er in die preußische Armee ein, wo er bereits im März 1807 zum Lieutenant im Regiment Towarszycz (Towarczys) befördert wurde. Am 10. Juni 1807 wurde er in der Schlacht bei Heilsberg verwundet, aber zugleich mit dem Orden pour le mérite ausgezeichnet. 1812 wurde er dem Generalstab des Generals Yorck von Wartenburg zugeteilt. Canitz und Dallwitz wird zugeschrieben, die erste Mitteilung von der Vernichtung der französischen Hauptarmee in Russland in Mitau mitgeteilt zu haben. Nach der Konvention von Tauroggen ging er in russische Dienste. Unter Friedrich Karl von Tettenborn machte er den Feldzug nach Berlin und Hamburg mit. Während des Waffenstillstands 1813 kehrte er im Rang eines Hauptmanns in preußische Dienste zurück, erneut beim Generalstab Yorck von Wartenburgs. 1815 erhielt er die Beförderung zum Major. Nach Kriegsende war er einige Jahre beim Generalkommando in Breslau.
1821 wurde er Adjutant des Prinzen Wilhelm, des Bruders Friedrich Wilhelms III. und war zugleich Lehrer an der Allgemeinen Kriegsschule in Berlin. In dieser Zeit verfasste er anonym ein Werk über die preußische Kavallerie zwischen 1740 und 1813, worin er den zeittypischen Standpunkt des langsamen Niedergangs bis 1806 vertrat. Während des Russisch-Türkischen Krieges ging Canitz und Dallwitz 1828 als außerordentlicher Gesandter zur Vermittlung nach Konstantinopel.
Für seine diplomatischen Verdienste wurde er 1829 zum Oberst befördert und übernahm 1830 die Leitung des Generalstabs des Gardekorps, bald darauf wurde er zum Kommandeur des 1. Husarenregiments in Danzig ernannt. Während des Aufstands in Polen befand er sich im Hauptquartier der russischen Heerführer Diebitsch und Paskiewitsch.
Dank seiner ausgezeichneten verwandtschaftlichen Beziehungen wurde er 1833 preußischer Gesandter am kurhessischen Hof in Kassel, wobei er zugleich eine Beförderung zum Generalmajor erhielt. In Personalunion verbunden mit der Aufgabe in Kassel war zugleich die Gesandtschaft in Hannover für Hannover und Braunschweig, wohin er seinen Amtssitz 1837 verlegte. Ende 1841 wurde er als Gesandter nach Wien geschickt.
Nach dem Tode des Ministers von Bülow 1845 wurde Canitz und Dallwitz Minister für auswärtige Angelegenheiten. Auch die Innenpolitik ließ er nicht aus den Augen: Eines seiner Ziele war der Aufbau einer auf ständischer Gliederung beruhenden Monarchie, weshalb er massiv für die Vereinigung der Landstände zum Vereinigten Landtag (1847) eintrat. Hingegen erwies er sich für den König in den Schweizer Wirren um Neuenburg (Neuchâtel) als Enttäuschung. Er gehörte zu den stark konservativen Kräften, die sich am österreichisch-russischen Leitbild orientierten. Als Mitglied des Kabinetts Bodelschwingh trat er am 17. März 1848 zurück.
Seit 1844 Generallieutenant, avancierte er in der Spätphase der März-Revolution im Februar 1849 zum Divisionskommandeur in Düsseldorf. Im Frühjahr 1849 wurde er in die Erste Kammer nach Berlin berufen und erhielt Canitz und Dallwitz im Mai 1849 den (letztendlich erfolglosen) Auftrag, in Wien die Zustimmung des Kaisers zur von Preußen forcierten Erfurter Union, einem engeren deutschen Bundesstaat, zu erwirken. Kurz darauf übernahm er den Befehl über die in Frankfurt (Oder) stehende Division. Dort verstarb er am 25. April 1853 im Alter von 66 Jahren.

Bestandsbeschreibung

Der Nachlass des preußischen Gesandten und Außenministers Freiherrn Karl Wilhelm Ernst von Canitz und Dallwitz umfasst hauptsächlich Manuskripte und Korrespondenzen vor allem der Jahre 1831 bis 1849. Inhaltlich rücken folgende Themenkomplexe in den Vordergrund: Polnischer Aufstand (1831), Kölner Wirren (1839-1842), Polnische Unruhen (1846), Preußische Verfassungsfrage (ca. 1840-1847) und die März-Revolution 1848/49.
Leider lassen sich bei weitem nicht alle Verfasser und Adressaten ermitteln, weshalb es eine größere Anzahl von Briefen unbekannter Hand im Bestand gibt.

Bestandsgeschichte

Der Nachlass wurde Stück für Stück vom GStA PK durch Ankäufe und Schenkungen erworben. Über die Ursprünge des Bestands lassen sich nur Mutmaßungen anstellen.
Einzelne Vermerke auf den Aktendeckeln zeigen, dass die Archivalien in verschiedenen Schränken, etwa in einem Rauchzimmer der Familie v. Canitz und Dallwitz, aufbewahrt wurden. 1884 wurde, möglicherweise im Umfeld der Drucklegung einer zweibändigen Edition der Denkschriften des v. Canitz und Dallwitz, bereits von den früheren Eigentümern eine Einschätzung vorgenommen, ob Archivalien publikationswürdig sind (siehe die alten Aktendeckel zu Nr. 22 und 25). Unklar ist, ob dabei Bestandteile entfernt wurden.

Die Grundlage für einen Nachlass v. Canitz und Dallwitz bildete eine Aktenabgabe des Auswärtigen Amtes im Jahre 1928, wie das Akzessionsverzeichnis des GStA PK vermerkt (Nr. 28).(1) Zu diesem Zeitpunkt scheint auch eine Kassation vorgenommen worden zu sein.(2) 1933 gab es einen weiteren Zugang zu verzeichnen (Nr. 26).(3) Nach der Überführung nach Merseburg erfolgte Anfang 1950 eine Revision.(4) In der Folgezeit scheint dieser dortige Bestand keine weitere Bearbeitung oder Erweiterung erlebt zu haben.

Der ehemalige Dahlemer Teilbestand ist hauptsächlich aus dem im Familienbesitz befindlichen Nachlass gebildet, der zunächst als Depositum in der Städtischen Kunstsammlung Görlitz lagerte. Dessen Eigentümer Julius Freiherr von Canitz verkaufte dem GStA in den Jahren 1949 bis 1952 mehrere Briefwechsel des Außenministers Karl Ernst Wilhelm von Canitz. Aus diesen wurde in Dahlem eine neue Rep. 92 gebildet, die in der I. Hauptabteilung angesiedelt war. Mehr als 90 dabei neu erworbene Schreiben der königlichen Familie an den Minister Karl von Canitz wurden im Zuge dessen in das Brandenburg-Preußischen Hausarchiv Rep. 49 König Friedrich Wilhelm III. (1797-1840) Nr. 5 und Rep. 50 König Friedrich Wilhelm IV. (1840-1861) Nr. 4 einsortiert.
Im April 1957 erstellte der damalige Direktor der Städtischen Kunstsammlung Görlitz, Dr. phil. habil. Ernst-Heinz Lemper, eine maschinenschriftliche Registrande des Archivs, die durch Schenkung von Gernot Dallinger vom 3. November 1969 als Anlage zur I. HA, Rep. 92 von Canitz deponiert wurde (Nr. 1).(5) 1970 erwarb das GStA PK weitere Briefwechsel durch Ankauf von Hannelore Freifrau v. Canitz (Nr. 47 und 60). Die Reste des Nachlasses sind noch im Familienbesitz.

1993 wurden die Merseburger Bestände in das Magazin Berlin-Westhafen zurückgeführt. Mit Etablierung der neuen Tektonik 2001 wurden beide Bestände in die neue VI. HA Nachlässe eingeordnet, wie eine wenig später erstellte Übersicht zeigt.(6) 2009 erfolgte die Schenkung von zwei weiteren Schriftstücken durch einen Nachfahren (Nr. 137 u. 139). Dies als Anstoß nehmend, führte Archivreferendar Andreas Becker, M.A. die beiden Teilbestände zusammen und nahm eine Neuordnung vor.

Infolge der verschiedenen Ergänzungen enthält der Bestand nicht allein Manuskripte und empfangene Briefe des früheren Außenministers Karl Ernst Wilhelm Freiherr von Canitz und Dallwitz. Es gehören auch dazu zahlreiche eigenhändige Entwürfe sowie auch Unterlagen seines Vaters Wilhelm von Canitz und Dallwitz, und seines Sohnes, des Diplomaten Karl von Canitz und Dallwitz.

Die Nr. 56 ist aufgrund nachträglicher Veränderungen nicht vergeben.

Bestell- und Zitierweise:

Die Akten sind wie folgt

zu bestellen: VI. HA, Nl Canitz und Dallwitz, K. E. W. von, Nr. …

zu zitieren: GStA PK, VI. HA Familienarchive und Nachlässe, Nl Karl Ernst Wilhelm Freiherr von Canitz und Dallwitz, Nr. …

Laufzeit: (1789-1791) 1813-1867




Berlin-Dahlem, 30. Spetember 2009



Archivreferendar Andreas Becker, M.A.


Literatur (Auswahl)

- Becker, Kurt, Studien zu einer Lebensgeschichte des Freiherrn Karl Wilhelm Ernst von Canitz und Dallwitz und zur preussischen Verfassungsgeschichte. Berlin, Univ., Phil. Diss., 1940. [Mikrofilm-Ausgabe].
- Dallinger, Gernot, Karl von Canitz und Dallwitz. Ein preußischer Minister des Vormärz. Darstellung und Quellen. Berlin, 1969 (Veröffentlichungen aus den Archiven Preussischer Kulturbesitz; 3)
- H. Branig, Fürst Wittgenstein. Ein preußischer Staatsmann der Restaurationszeit. Köln und Wien 1981, S. 188 u. ö. (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz, Bd. 17)
- W. Bußmann, Zwischen Preußen und Deutschland. Friedrich Wilhelm IV. Eine Biographie. Berlin 1990, S. 201-202 u. ö.
- J. C. Struckmann unter Mitarbeit von E. Henning, Preußische Diplomaten im 19. Jahrhundert. Biographien und Stellenbesetzungen der Auslandsposten 1815-1870. Berlin 2003, S. 14 u. ö..

Schriften des Freiherrn Karl Ernst Wilhelm v. Canitz und Dallwitz (Auswahl)

- v. Canitz und Dallwitz, Karl Ernst Wilhelm, Betrachtungen eines Laien über die neue Betrachtungsweise der Evangelien des Dr. D. F. Strauss. Göttingen: Dieterich, 1837.
- v. Canitz und Dallwitz, Karl Ernst Wilhelm, Die Frage: Wohin? In Bezug auf die landständischen Verhältnisse der Preußischen Monarchie, vom Gesichtspunkt praktischer Ausführbarkeit betrachtet. Berlin: Dümmler, 1843.
- v. Canitz und Dallwitz, Karl Ernst Wilhelm, Kleiner Beitrag zur Berichtigung eines großen Mißverständnisses. Offene Antwort an die Herren Verfasser der historisch-politischen Blätter für das katholische Deutschland. Hannover: Hahn, 1839.
- v. Canitz und Dallwitz, Karl Ernst Wilhelm, Letzte Antwort an die Herren Verfasser der historisch-politischen Blätter für das katholische Deutschland. Hannover: Hahn, 1839.
- v. Canitz und Dallwitz, Karl Ernst Wilhelm, Nachrichten und Betrachtungen über die Thaten und Schicksale der Reiterei in den Feldzügen Friedrichs II. und in denen neuerer Zeit: 1740-1813. Reprint der Ausg. Berlin 1861; 2. Aufl. in einem Bd., Braunschweig, 1998.
- v. Canitz und Dallwitz, Karl Ernst Wilhelm, Nachrichten und Betrachtungen über die Thaten und Schicksale der Reuterei in den Feldzügen Friedrichs II und in denen neuerer Zeit. Bd. 1: 1740-1806; Bd. 2: 1807-1813. Berlin: Mittler, 1823-1824.
- v. Canitz und Dallwitz, Karl Ernst Wilhelm, Rückblick auf die Entwicklung der deutschen Angelegenheiten im Jahre 1849 : ein Bruchstück aus der innern Geschichte Deutschlands von 1848 bis ... .. - Berlin: Steiner, 1850.
- v. Canitz und Dallwitz, Karl Ernst Wilhelm, Zur Aufklärung über den Pietismus. Berlin, 1841.

(1) Acc. 56/28 nr. 16. Vgl. auch Aus. Amt sect. I I A A b ad nr. 8, 9, 11, 12.
(2) I. HA, Rep. 92 v. Canitz-Dallwitz Nr. 5, worin eine Übersicht der Verhandlungen König Ernst Augusts mit den hannöverschen Ständen der Jahre 1837-1840 enthalten war, die sich als Parallelüberlieferung bei den Akten des Auswärtigen Amts befinden soll.
(3) Acc. 33/33. Es handelte sich um I. HA, Rep. 92 v. Canitz-Dallwitz Nr. 1 über die "Affäre von Miltitz".
(4) Vgl. Vermerk im Alt-Findbuch des Merseburger Bestandes.
(5) Acc. 86/69. Vgl. dazu die Bemerkung bei Dallinger, Canitz, S. 3, Anm. 8.
(6) Ute Dietsch (Bearb.), Familienarchive und Nachlässe im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz. Ein Inventar, Berlin 2008 (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz; Arbeitsberichte; 8), S. 136-137.

Bestandsbeschreibung

Lebensdaten: 1787 - 1850

Extent

Angaben zum Umfang: 1,1 lfm (138 VE)

Language of the material

deutsch

Content provider

Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz

(Archivstraße 12-14, D 14195 Berlin (Dahlem), gsta.pk@gsta.spk-berlin.de)
Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz